KÖLN/ROM - Mit einer Serie bedeutender Konzernübernahmen setzen die Deutsche Lufthansa und ihre Konkurrentin Air France-KLM den Führungskampf in der europäischen Luftfahrt fort. Nach dem Kauf der Austrian Airlines (AUA) durch die Lufthansa hat Air France-KLM am gestrigen Dienstag ihren Einstieg bei Alitalia perfekt gemacht. Sie erhält ein Viertel der Anteile sowie die Option auf deren Aufstockung. Die beiden kerneuropäischen Flugunternehmen rivalisieren unter anderem noch um die Scandinavian Airlines (SAS) und beobachten die Entwicklung bei der spanischen Fluglinie Iberia; deren Fusionsverhandlungen mit British Airways sind noch nicht abgeschlossen. Den Konkurrenzkampf, der sich in diesem Jahr zuzuspitzen scheint, treibt die Lufthansa trotz ihrer Niederlage im Kampf um Alitalia auch in Italien weiter voran. Sie hat dort eine Tochtergesellschaft gegründet und will insbesondere im Norden des Landes expandieren. Dabei setzt sie auf regionalistische Kräfte in der reichen Lombardei und wird von deren politischem Arm unterstützt, der rechtsgerichteten Lega Nord.
Entscheidende Phase
Der seit Jahren tobende Kampf um die Vorherrschaft unter den europäischen Fluggesellschaften (german-foreign-policy.com berichtete [1]) spitzt sich weiter zu. Die krisenbedingte Fusionswelle wird im neuen Jahr fortdauern: Der Luftfahrtverband International Air Transport Association (IATA) hält 2008 für ein "rabenschwarzes Jahr" und erwartet, dass die Schwierigkeiten in der Branche 2009 anhalten. Er sagt den europäischen Airlines rund zehnmal so hohe Verluste wie 2008 voraus.[2] Wegen steigender Kosten und schleppender Nachfrage sinken die Überlebenschancen kleinerer Fluglinien, und der Führungskampf in der europäischen Luftfahrt tritt in eine entscheidende Phase. Ausgetragen wird er als Zweikampf zwischen der Deutschen Lufthansa und der französisch-niederländischen Air France-KLM. Der dritte Rivale, British Airways, droht den Anschluss zu verlieren und wird bereits als mögliches Übernahmeziel gehandelt.
Nummer eins
In dem Luftfahrt-Zweikampf hatte zuletzt die Lufthansa die Führung übernommen. Der deutsche Flugkonzern machte im Dezember nach monatelangem Tauziehen den Kauf der österreichischen Fluggesellschaft Austrian Airlines (AUA) perfekt. Die Lufthansa, die entgegen dem Branchentrend 2008 mehr Fluggäste transportierte als im Jahr zuvor, überflügelte mit der Übernahme ihren Rivalen Air France-KLM. Dieser hatte mit rund 75 Millionen Passagieren als Marktführer in Europa gegolten. Die Lufthansa kam inklusive der Schweizer Airline Swiss im letzten Jahr auf mehr als 70 Millionen Fluggäste, zu denen jetzt noch die gut zehn Millionen Passagiere der AUA hinzukommen. Weitere Übernahmen zeichnen sich bereits ab: Die Lufthansa bestätigt ihr Interesse an der skandinavischen Fluggesellschaft SAS, die britische Virgin Atlantic sucht die Kooperation mit der Lufthansa, und die polnische Fluggesellschaft LOT will den deutschen Konzern als strategischen Investor gewinnen.[3]
Widerstand
Der überrundete Konkurrent Air France-KLM schlägt zurück und kündigt Widerstand gegen die Übernahme der österreichischen AUA an.[4] Bei AUA war Air France-KLM zuletzt der einzige ernsthafte Mitbieter und moniert eine gravierende Ungleichbehandlung zugunsten des deutschen Konzerns. Die nun angekündigte Klage bei der EU-Kommission wird die Rechtmäßigkeit des AUA-Kaufs womöglich über Jahre in Frage stellen. Auch mit eigenen Übernahmeplänen bleibt Air France-KLM aktiv. Der Flugkonzern ist nicht nur von der irischen Aer Lingus, die von Ryanair umworben wird, zum "weißen Ritter" erkoren worden. Er hat darüber hinaus wie sein deutscher Rivale Interesse an der skandinavischen SAS bekundet. Ein weiterer Zweikampf der beiden Konkurrenten könnte um die spanische Iberia entbrennen: Sollten deren Fusionsverhandlungen mit British Airways scheitern, könnten sowohl Air France-KLM als auch die Lufthansa zuschlagen.
Duell um Alitalia
Eine wichtige Etappe hat Air France-KLM gerade für sich entschieden: Das Duell um den Einstieg bei der gestern gestarteten "neuen" Alitalia, die aus den Resten der alten italienischen Staatslinie sowie der zweitgrößten italienischen Fluggesellschaft Air One entstand. Der Alitalia-Verwaltungsrat stimmte dem Bündnis mit der französisch-niederländischen Airline zu. Air France-KLM erwirbt nun für 322 Millionen Euro ein Viertel der Anteile an der "neuen" Alitalia und kann seinen Anteil künftig weiter aufstocken. Die Lufthansa besaß im Kampf um Alitalia zwar Unterstützung von höchster Stelle: Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi und Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten sich einhellig für einen Einstieg der Lufthansa ausgesprochen. Der deutsche Flugkonzern aber war nicht bereit, den geforderten Preis zu zahlen, und legte letztlich kein Gebot vor. Er warb mit der Aussicht auf ein Bündnis, stellte jedoch neue Forderungen, etwa nach Geschäftsführungs-Befugnissen. Dies bewog Alitalia schließlich, für Air France-KLM zu votieren.[5]
Offene Flanke
"Wir sehen uns jetzt definitiv nicht als Verlierer", sagt dennoch ein Sprecher der Lufthansa und erklärt das Unternehmen für in Italien "gut aufgestellt".[6] Hintergrund ist der jetzt bevorstehende Angriff des deutschen Konzerns in Norditalien - "Alitalias offene Flanke", kommentiert die Wirtschaftspresse.[7] Die Lufthansa hat bereits Ende November in Mailand eine Tochtergesellschaft gegründet, mit der sie Alitalia Marktanteile abnehmen will. Unter dem Namen "Lufthansa Italia" bietet sie ab Februar Verbindungen zwischen Mailand und mehreren europäischen Metropolen an. Auch Langstrecken- und Interkontinentalflüge sind im Gespräch. Der deutsche Flugkonzern setzt dabei auf regionalistische Kräfte in Norditalien. "Mailand und die Region Lombardei gehören zu den wirtschaftlich bedeutendsten und stärksten Regionen Europas. Es ist wichtig, dass diese durch ein gutes Streckennetz mit Europa verbunden sind", warb Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber bei der Gründung der neuen Italien-Tochter.[8]
Traditionen
Tatsächlich hatte die rechtsgerichtete Regionalistenpartei Lega Nord bereits zu den vehementesten Unterstützern eines Lufthansa-Einstiegs bei Alitalia gezählt. Mit einer engen deutsch-italienischen Kooperation werde der Flughafen Mailand-Malpensa mehr Flüge erhalten und womöglich sogar zum einzigen Flugdrehkreuz für Italien aufsteigen, hatte es bei der Lega Nord geheißen.[9] Die Partei, die zeitweilig die Abspaltung des wohlhabenden Norditalien vom wirtschaftlich schwächeren Süden forderte und mit vollem Namen Lega Nord per l'indipendenza della Padania heißt (Nord-Liga für die Unabhängigkeit Padaniens), ist seit 2008 maßgeblich an der Regierung Berlusconi beteiligt. Sie hat inzwischen einen pragmatischen Kurs eingeschlagen, verlangt aber dennoch die Föderalisierung Italiens (Devolution) und Autonomie für seinen Norden. Sie kooperiert mit Parteien der extremen Rechten aus mehreren EU-Staaten; ein Vertreter der Lega hat erst kürzlich an einem internationalen Kongress in Köln teilgenommen, auf dem die Gründung einer europäischen Rechtsaußenpartei geplant werden sollte - basierend auf alten Traditionen der Kollaboration mit NS-Deutschland.[10]
[1] Informationen zum Konkurrenzkampf in der europäischen Luftfahrt finden Sie hier: Krise und Konzentration,Unheimlicher Anschluss (II), Durch die Krise gestärkt, Übernahmephantasien, Lücken schließen,Schachspiel, Wichtiges Ziel, Umverteilung, Dünne Luft, Deutscher Raubvogel, Endspiel um die Vorherrschaft, Ausleseprozess und Mafiotische Züge.
[2] Fluglinien fliegen vier Milliarden Euro Verlust ein; Handelsblatt 09.12.2008
[3] Lufthansa bestätigt grundsätzliches Interesse an SAS; Reuters 19.11.2008. Gespräche über britische Tochter: Branson flirtet mit Lufthansa; Financial Times Deutschland 10.12.2008. LOT will Lufthansa als Ankerinvestor; www.peopleanddeals.de 17.12.2008
[4] Konfrontationskurs: Air France stemmt sich gegen Lufthansa-Vormacht; Financial Times Deutschland 21.11.2008
[5] Streit über künftige Alitalia-Partner; Frankfurter Allgemeine Zeitung 08.01.2009
[6] Okay für Einstieg bei Alitalia: Air France-KLM sticht Lufthansa aus; Financial Times Deutschland 13.01.2009
[7], [8] Alitalias offene Flanke; Handelsblatt 12.01.2009
[9] Poker um den ausländischen Partner für Alitalia; Frankfurter Allgemeine Zeitung 21.11.2008. Lega Nord fordert Lufthansa-Beteiligung an Alitalia; Dow Jones Newswires 05.01.2009
[10] s. dazu Europa der Rechtsextremisten (II)
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